Geborgenheit und Zärtlichkeit sind Grundbedürfnisse des Menschen

André ist 21 Jahre alt und geistig behindert. Er lebt in einem Wohnheim und fühlt sich dort pudelwohl. Sein Lieblingsplatz ist der Sessel neben der Eingangstüre. Dort sitzt er oft stundenlang und starrt auf die Glastür. Kommt ein Mann, grüßt er ihn freundlich und lässt ihn ziehen, betritt allerdings eine Frau den Raum – egal ob Betreuerin oder Besucherin – gibt’s kein Halten mehr. Dann leuchten seine Augen und er lässt die Dame kaum einen Schritt weichen.

André ist 21 Jahre alt und geistig behindert. Er lebt in einem Wohnheim und fühlt sich dort pudelwohl. Sein Lieblingsplatz ist der Sessel neben der Eingangstüre. Dort sitzt er oft stundenlang und starrt auf die Glastür. Kommt ein Mann, grüßt er ihn freundlich und lässt ihn ziehen, betritt allerdings eine Frau den Raum – egal ob Betreuerin oder Besucherin – gibt’s kein Halten mehr. Dann leuchten seine Augen und er lässt die Dame kaum einen Schritt weichen.

Was etwas befremdlich anmutet, ist eigentlich ganz natürlich. „André ist auf der Suche nach Zuneigung“, erklärt Eva Sindram. „Was würden wir machen, wenn wir einsam sind und jemanden kennen lernen wollen? Na klar, wir gehen aus, sprechen vielleicht sogar jemanden an. Warum sollen dieses Bedürfnis behinderte Menschen nicht haben?“ Diese Sichtweise ist neu und Sozialpädagogin Eva Sindram versucht, sie behutsam zu vermitteln. Sindram ist die Leiterin des Projekts von pro familia in Zusammenarbeit mit den Offenen Hilfen im Landkreis. Es ist zunächst auf drei Jahre ausgelegt und wird von der Aktion Mensch finanziert.

„In der Vergangenheit wurde das Thema Sexualität bei Behinderten häufig tot geschwiegen und ausgegrenzt. Die Männer wurden teilweise zwangssterilisiert, Frauen mit der Dreimonatsspritze zwangsverhütet, Männlein und Weiblein in vielen Einrichtungen penibel voneinander getrennt. Die Folge sind Verhaltensweisen wie die bei André, der nicht weiß wohin mit seiner Liebe. „Andere werden aggressiv oder ziehen sich zurück“, erklärt Sindram.

Warum sollen nicht auch behinderte Menschen eine Partnerschaft haben, verliebt sein, vielleicht sogar eine Familie gründen? „Das alles könnte möglich werden“, sagt die Sozialpädagogin, man müsse ihnen nur Möglichkeiten schaffen und sie aufklären.

„Normale“ Kinder werden schon in der Grundschule aufgeklärt

„Normalerweise beginnt die Sexualaufklärung schon im Kindergarten. Bereits dort erfahren die Kleinen, wo die Babys herkommen“, sagt Sindram. In der 4. Klasse haben die Kinder Sexualpädagogik und in der 8. Klasse noch einmal. „Wenn die Buben und Mädchen in die Pubertät kommen, kaufen sie sich die Bravo und tauschen sich mit Freunden aus. Und was machen behinderte Jugendliche? Sie sitzen mit den immer gleichen Menschen in der immer gleichen Umgebung mit einem fast immer gleichen Tagesablauf. Sie können bestimmte Erfahrungen nicht machen.“

Eltern fällt es oft schwer mit der Sexualität des Kindes umzugehen

Mit der Verabschiedung der EU-Behindertenrechtskonvention hat sich der Blickwinkel verschoben. Doch viele Betreuer und vor allem auch viele Eltern wissen nicht, wie sie mit diesem Thema umgehen sollen. „Vor allem für Eltern ist es besonders schwer zu erkennen, dass ihr behindertes Kind, zu dem sie durch die Pflege ein besonders enges Verhältnis haben, sexuelle Bedürfnisse hat“, sagt Sindram. Aber sie sollten diese nicht ignorieren.

Deswegen gibt es ab 1. November das Angebot der Beratung. Eva Sindram bietet jeden zweiten Mittwoch im Monat und nach Vereinbarung Hilfestellung an. Sie schult bei den Einrichtungen die Mitarbeiter, sieht sich aber auch als Ansprechpartner für die Betroffenen selbst. „Wir hatten erst kürzlich den Fall, dass zwei geistig behinderte Menschen ein Baby bekommen haben.“ Die beiden haben sich gewünscht eine richtige kleine Familie zu sein. Und es funktioniere – natürlich mit Hilfe.


Neuburger Rundschau / Augsburger Allgemeine